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"KI kennt nicht den Zauber der Verliebtheit" Ein Kommentar von Stephan Grünewald

Stephan Grünewald, Geschäftsführer des Rheingold Instituts, wurde 2024 vom BVM als Persönlichkeit des Jahres ausgezeichnet. Grund genug, auch einmal beim „Psychologen der Nation“ - laut FAZ - nachzuhören, was er zum alles dominierenden Thema KI zu sagen hat.

Synthetische Panels sind aufgrund ihrer Geschwindigkeit, Skalierbarkeit und Effizienz ein ergänzendes Instrument, insbesondere für Trends-Screenings oder schnelle Pretests. Sie können jedoch den qualitativen Tiefgang, die soziale Kontextualisierung und das interaktive Verstehen nicht ersetzen. Die KI ist nach wie vor fehleranfällig, sie halluziniert und reproduziert bestehende Strukturen. Die emotionale Tiefe, intuitive Widersprüchlichkeit und kulturelle Komplexität realer menschlicher Reaktionen lässt sich nicht künstlich nachbilden, denn es gibt einen prinzipiellen Unterschied zwischen künstlicher Intelligenz und seelischer Intelligenz, die durch ganzheitliche Seins-Qualitäten bestimmt ist: durch unsere Leiblichkeit, durch unsere Schicksalsgeworfenheit sowie durch unsere innere Widersprüchlichkeit. Die KI hat weder Sodbrennen noch Liebeskummer oder Alpträume. Sie kennt weder Leidenschaft noch Schmerz.

Aber diese Gefühlsqualitäten und die damit verbundenen Irrungen und Wirrungen, Aufschwünge und Enttäuschungen sind die unbewusste Triebfeder unseres Lebens. Marken und Kommunikation helfen uns dabei, unsere Träume zu modellieren und uns mit unseren Widersprüchen zu versöhnen. Das setzt aber ein empathisches Verstehen und Mitbewegen voraus, das die KI nicht leistet kann, denn sie kennt eben keine Langeweile, keine Angst, keine glücklichen Augenblicke oder den Zauber der Verliebtheit. Der Algorithmus rechnet auch nicht damit, dass sich mit geheimer Logik ständig alles verkehren kann. Plötzlich wird aus Wohltat Plage, aus Sinn Unsinn, aus Schönheit Kitsch oder aus Liebe Hass. Aktuell erleben wir den Bedeutungswandel von Cremes, die jetzt weniger der Kosmetik dienen, sondern der Krisen-Resilienz. Die Verbraucher haben Angst, dünnhäutig zu werden, und die Hautcreme soll dabei helfen, ein dickes Fell zu erlangen. Diese Psycho-Logik ist nicht mathematisch berechenbar, aber sie kann intuitiv verstanden werden.

Die Effizienz der KI sollte auch nicht mit Wirksamkeit gleichgesetzt werden. Wirksamkeit fußt nicht auf Schnelligkeit, sondern auf einer seelischen Entwicklungszeit. Darum ist ein ausführliches Arztgespräch wirksamer als eine schnelle Internet-Diagnose. Und darum brauchen wir in der Forschung nicht nur die schnelle automatisierte Abwicklung, sondern kollaborative Prozesse mit echten Probanden, echten Kunden und echten Forschern. Die unmittelbare Nähe zum Gegenstand und der Mut, die eigenen Verwicklungen zu spüren und so authentische Erfahrungen zu machen, sind die Grundlage eines tieferen strategischen Verständnisses.