Jahrbuch der Marktforschung
  • Malin Zoe Richter
  • Young Professionals
  • 21.07.2026

WhatsApp statt Teststudio? Potenziale und Grenzen asynchroner Gruppendiskussionen mit Jugendlichen

Von Malin Zoe Richter

Von Malin Zoe Richter

Malin Zoe Richter war 2026 mit ihrer Masterarbeit für den Nachwuchsforscherpreis von BVM/VMÖ/SWISS INSIGHTS nominiert. Darin untersucht sie die Potenziale und Grenzen asynchroner Online-Gruppendiskussionen mit Jugendlichen über WhatsApp und zeigt, dass dieses Erhebungsformat eine eigenständige qualitative Methode mit spezifischen Anforderungen und Einsatzmöglichkeiten in der Forschungspraxis darstellt.

Digitale Erhebungsverfahren gehören heute selbstverständlich zum Methodenrepertoire qualitativer Markt- und Sozialforschung. Während praktische Vorteile mittlerweile deutlich sind, gab es bislang kaum Auseinandersetzung mit den inhaltlichen Besonderheiten solcher Methoden. Dieser Beitrag fasst die zentralen Erkenntnisse einer Masterarbeit zusammen, die sich mit den Potenzialen und Limitationen asynchroner Online-Gruppendiskussionen mit Jugendlichen über WhatsApp beschäftigt. Ziel war es, die Methode methodologisch einzuordnen und Konsequenzen für ihren Einsatz in der Forschungspraxis abzuleiten.

Zur Beantwortung dieser Fragestellung kombiniert die Arbeit eine umfassende Literaturauswertung und Gespräche mit Marktforschenden mit einer empirischen Fallstudie. Die empirische Überprüfung konzeptioneller Potenziale und Limitationen fand anhand dreier asynchroner Online-Gruppendiskussionen über WhatsApp und einer vergleichenden Präsenz-Gruppendiskussion statt. Als Beispielthema für die Diskussion diente die Bedeutung medialer Sportstars für männliche Jugendliche mit Fußball- und Basketballbezug. Der methodische Vergleich erfolgte entlang vier analytischen Dimensionen: forschungspraktische Aspekte, Ergebnisquantität, qualitative Merkmale der Diskussionen sowie die Perspektive der Teilnehmenden.

Die Literatur hebt insbesondere die hohe Feldnähe asynchroner Online-Gruppendiskussionen hervor. Die Einbettung in die alltägliche Kommunikationspraxis der Jugendlichen ermöglichte eine flexible und selbstbestimmte Teilnahme und erleichterte die Integration der Erhebung in den Alltag der Teilnehmenden. Die empirische Untersuchung bestätigte diese Annahmen teilweise, zeigte jedoch zugleich, dass die größere Feldnähe neue methodische Herausforderungen mit sich bringt. So orientierten sich die Diskussionen stärker an den Kommunikationsnormen Jugendlicher auf WhatsApp. Das führte zu anderen Formen der Interaktion, veränderten Anforderungen an die Moderation und einer geringeren Verbindlichkeit. Gleichzeitig brachen typische Präsenz-Gruppendynamiken auf. Die Ergebnisse verdeutlichen damit, dass asynchrone Online-Gruppendiskussionen keine digitale Variante der Präsenz-Gruppendiskussion darstellen, sondern eine eigenständige Erhebungsform mit spezifischen Potenzialen und Limitationen.

Für die Forschungspraxis ergeben sich daraus mehrere Konsequenzen. Asynchrone Gruppendiskussionen, insbesondere mit Jugendlichen, bedürfen einer sorgfältigen Konzeption. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Auswahl eines lebensweltnahen Themas mit ausreichendem Diskussionspotenzial, die Gestaltung des Untersuchungszeitraums sowie eine Moderation, die Interaktion und Verbindlichkeit aktiv fördert. Die Masterarbeit zeigt dabei, dass der Mehrwert asynchroner Online-Gruppendiskussionen nicht allein in ihrer organisatorischen Flexibilität liegt. Ihr Potenzial entfaltet sich insbesondere dann, wenn ihre spezifischen methodischen Eigenschaften bereits bei der Konzeption der Studie berücksichtigt werden.

Mehr zum Preis der Deutschen Marktforschung/Nachwuchsforscher/in des Jahres - BVM/VMÖ/SWISS INSIGHTS

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Malin Zoe Richter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin im Online Communication Lab der Universität Münster. Sie studierte Kommunikationswissenschaft und Ökonomik in Münster sowie Markt- und Medienforschung an der TH Köln. Studienbegleitende Erfahrung bei mindline media und MANUFACTS Research & Dialog ergänzt ihren wissenschaftlichen Hintergrund um Perspektiven aus der angewandten Markt- und Medienforschung. Ihre Forschung beschäftigt sich mit Online-Kommunikation, Social-Media-Daten, digitalen Forschungsmethoden sowie Potenzialen von LLMs für die sozialwissenschaftliche Forschung.