Jahrbuch der Marktforschung
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  • 20.05.2026

Von der Interview-Kunst zur KI-Kuration: Wie qualitative Forschung skalierbar wird, ohne ihre Seele zu verlieren

Qualitative Forschung scheitert oft an Kosten und Zeit. Die Lösung: KI-moderierte Interviews. Mit dem neuen Feld "Big Qual" lassen sich Tiefeninterviews nun skalieren. Ob via Voice oder Text – KI-Agenten fragen kontextsensitiv nach und liefern das „Warum“ hinter den Daten. Während die Technik Durchführung und Analyse übernimmt, wandert die menschliche Wertschöpfung zu Design und Beratung. Qual-Evidenz wird so skalierbar und massentauglich

Ausgangssituation

Qualitative Forschung wird oft gar nicht erst gemacht – zu teuer, zu langsam, keine belastbare Stichprobe. Also dominiert Quant: Wir wissen, was passiert, aber nicht warum. KI-moderierte Interviews ändern das: Sie ermöglichen die Frage nach dem Warum – skalierbar, asynchron und multilingual.

Methode: Aus zwei wird drei

Neben klassischer Qual (n=5-30, Tiefe, Verstehen) und klassischer Quant (n=300-10.000, Skalen, Repräsentativität) entsteht ein drittes Feld: Big Qual oder Deep Quant (n=100-1.000). Dialogisch, standardisiert, skalierbar – möglich durch KI-Moderation. Voice-to-Voice-Agenten moderieren eigenständig, fragen kontextsensitiv nach und navigieren durch komplexe Gesprächsstrukturen. Ergänzend ermöglicht Text-Chat Reichweite in mobilen Kontexten und In-situ-Forschung. Beide Modi sind multimodal – der Unterschied liegt in der Gesprächsform: Sprache wie ein Zoom-Call, Text wie ein WhatsApp-Chat.

Ein aktuelles Projekt mit einem der zehn größten deutschen Marktforschungsinstitute zeigt das Potenzial: In einer Werbestudie beantworteten 400 Teilnehmende einen quantitativen Fragebogen. Anschließend führte ein KI-Moderator mit 170 Befragten vertiefende Gespräche – automatisch getriggert durch ihre Quant-Antworten: "Sie haben Konzept B als weniger glaubwürdig bewertet – können Sie mir erzählen, was Sie dabei gestört hat?"

Ergebnisse und Erkenntnisse

Die Wertschöpfung wandert an die Enden der Prozesskette: Am Anfang stehen Intent und Design – welche Fragen, welche Methode, welche Stichprobe? Am Ende stehen Einordnung und Empfehlung – was heißt das, was ist zu entscheiden? Dazwischen, in Durchführung und Auswertung, übernehmen Agenten. Forscher denkt, Agenten arbeiten, Forscher berät.

KI-Agenten brauchen Forschungsziel, Kontext und Leitplanken. Das Ziel gibt die Richtung, der Kontext ermöglicht eigenständige Folgefragen, die Leitplanken setzen Grenzen. So entsteht bei jedem Gespräch eine ähnliche  Struktur – mit individueller Vertiefung je nach  Gesprächspartner.
Für Institute entstehen neue Möglichkeiten: Big Qual als drittes Format, Qual-Anteile in jeder Quant-Studie, laufende Forschung statt Einzelprojekte. Für Corporate Insights: mehr eigene Forschung bei gleichem Budget, Iteration in Tagen statt Wochen, Qual-Evidenz auch für operative Entscheidungen.  Die Rolle verschiebt sich: vom Projektmanager externer Dienstleister zum internen Berater. Weniger "Was haben die Leute gesagt?", mehr “Was sollten Sie jetzt tun?”

author

Bruno Recht glaubt, dass qualitative Forschung zu wichtig ist, um ein Nadelöhr zu bleiben. Als Co-Founder und CEO von Userflix entwickelt er KI-moderierte Interviews, die Tiefe mit Skalierung verbinden – gemeinsam mit Partnern wie Nielsen Norman Group, IKEA und führenden Marktforschungsinstituten. Zuvor designte er KI-Produkte bei Porsche Digital. Heute lehrt er Human AI-Interaction an der Elisava School of Design and Engineering in Barcelona.