Jahrbuch der Marktforschung
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  • 24.03.2026

Zwischen Goldstandard und KI-Zeitalter: Wie Forsa mit einem KI-Interviewer Telefonrekrutierung, Ehrlichkeit und digitale Lebenswelt verbindet

Interview mit Thorsten Thierhoff

Interview mit Thorsten Thierhoff

Thorsten Thierhoff erklärt im Interview, warum der Dialog mit echten Menschen für ihn der unverzichtbare Kern guter Demoskopie bleibt – auch wenn ihn künftig ein KI-Interviewer führt. Er beschreibt, wie der Bot die Zufallsstichprobe der Telefonbefragung mit der Flexibilität digitaler Kanäle verbindet, warum Befragte Maschinen gegenüber oft offener antworten, wie Echtzeit-Übersetzungen neue Zielgruppen erschließen und wieso synthetische Daten trotz aller KI-Euphorie für seriöse Forschung eine rote Linie bleiben.

Herr Thierhoff, Sie sind überzeugt, dass KI-Interviewer den langjährigen „Methodenstreit“ unter Demoskopen produktiv auflösen können. Wie genau schafft die KI den Spagat zwischen der Verlässlichkeit des „Goldstandards“ der Telefonbefragung und den Anforderungen einer modernen, digitalen Gesellschaft?

Thorsten Thierhoff: Das Entscheidende ist: Das Gespräch bleibt der Kern der Befragung. Wir ersetzen nicht den Dialog mit echten Menschen, sondern modernisieren das Instrument, mit dem wir diesen Dialog führen. Telefonbefragungen hat große Stärken – vor allem die Möglichkeit, auf eine echte Zufallsstichprobe zurückzugreifen und so bevölkerungsrepräsentative Ergebnisse zu erzielen. Gleichzeitig stoßen sie an praktische Grenzen: Sie sind mit hohen und stetig steigenden Interviewerkosten verbunden und die typische Befragungszeit in den frühen Abendstunden passt vielen Menschen nicht mehr, weil sie sich um ihre Familie kümmern, unterwegs sind oder noch arbeiten. Unser KI-Interviewer überwindet diese Grenzen und erreicht Befragte auf die Weise und zu der Tageszeit, die sie bevorzugen – sei es am Festnetztelefon, am Smartphone einem anderen digitalen Endgerät. Die Mediengrenzen verschwimmen, aber die methodische Grundlage bleibt intakt. Das unterscheidet uns klar von reinen Online-Access-Panels, bei denen sich die Teilnehmer eigenständig selbst rekrutieren können, was die Ergebnisse erheblich verzerrt.

Die Quellen deuten darauf hin, dass Befragte einem Bot gegenüber weniger zu „sozial erwünschten“ Antworten neigen als bei menschlichen Interviewern. Welche Bedeutung hat diese höhere Ehrlichkeit für die Validität Ihrer Daten und die Vorhersagegenauigkeit von Umfragen?

Wir haben mittlerweile eine Vielzahl von KI-Interviews mit Personen durchgeführt, die aus unserem telefonisch rekrutierten forsa.omninet-Panel stammen bzw. die sich bei einem telefonischen Erstkontakt zu einem KI-Interview bereit erklärt haben. Und es gibt tatsächlich Indizien dafür, dass Befragte dem Bot weniger sozial erwünschte Antworten geben als menschlichen Interviewern. Das ist ein vielversprechender Befund, auch wenn wir hier noch am Anfang der systematischen Auswertung stehen. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass die Teilnehmer den KI-Interviewer in vielen Belangen entweder gleichauf mit einem menschlichen Interviewer bewerten oder sogar besser. Das zeigt uns, dass die Akzeptanz hoch ist – und hohe Akzeptanz ist eine wesentliche Voraussetzung für valide Daten. 

Ein Kritikpunkt an menschlichen Interviewern ist, dass sie manchmal aus Sorge, die Befragten zu nerven, nicht konsequent genug nachhaken. Könnte die „stoische Freundlichkeit“ der KI, indem sie sehr geduldig nachfragt, nicht auch am Ende nerven?

 Ja, es stimmt, unserer KI-Interviewer ist durchgehend freundlich und auch dann noch sehr geduldig, wenn der Mensch am anderen Ende der Leitung schon etwas ungehalten wird. Menschliche Interviewer tun das manchmal nicht, weil sie befürchten, den Interviewten dadurch vielleicht zu nerven. Das ist menschlich verständlich, methodisch aber ein Problem – denn es führt dazu, dass Antworten unvollständig bleiben oder interpretiert werden. Wir trainieren den KI-Interviewer jedoch auch sorgfältig darauf, die Stimmung der Befragten zu erkennen und die Gesprächsführung so anzupassen, dass darauf eingegangen wird, ohne die Grundsätze und Standards des sozialwissenschaftlichen Interviews zu verlassen. Die bisherigen Rückmeldungen unserer Teilnehmer sprechen auch klar dafür, dass diese konsequente Gesprächsführung keineswegs als störend empfunden wird. Im Gegenteil: Die Hemmschwelle gegenüber der Maschine scheint deutlich niedriger zu sein als gegenüber menschlichen Interviewern. In den Aufzeichnungen sind teilweise auch Essens- und Schmatzgeräusche zu hören – das zeigt, wie entspannt die Befragten mit dem Bot umgehen.

Dank der Übersetzungs-KI kann der Forsa-Bot in Echtzeit zwischen Sprachen wie Englisch oder Türkisch wechseln. Welches Potenzial sehen Sie hier, um Bevölkerungsgruppen in die Demoskopie zu integrieren, die bisher aufgrund von Sprachbarrieren unterrepräsentiert waren?

KI Bot als inklusives Element 

 Das Potenzial ist enorm. Unser Bot kann jederzeit auf Englisch, Türkisch oder so gut wie alle anderen Sprachen umschalten. In einer immer diverser werdenden Gesellschaft eröffnet das die Chance, bisher schwer erreichbare Bevölkerungsgruppen besser in demoskopischen Befunden abzubilden. Unser Ziel muss bleiben, der gesamten Bevölkerung Deutschlands zuzuhören – und Sprachbarrieren dürfen dabei kein Hindernis mehr sein.

Sie bezeichnen den Trend zu „synthetischen Daten“ als „gefährlichen Irrweg“ und betonen, dass nur authentische Meinungen „echter Menschen“ zählen. Warum ist der Einsatz von KI zur Erhebung von Daten sinnvoll, während die KI-basierte Generierung von Daten aus Ihrer Sicht die Seriosität der Forschung gefährdet?

 Die Grenze und der Grundsatz bleibt für uns sehr klar: Wer etwas über die Menschen wissen will, muss sie fragen. Die KI ist das Werkzeug, das das Gespräch führt, Antworten zusammenfasst und nachhakt – aber die Meinung kommt immer von einem echten Menschen. Der einzelne Mensch, mit all seinen Eigenheiten, Assoziationen und teilweise auch irrationalen Gedankengängen, bleibt die Quelle der menschlichen Wahrheit. Bei synthetischen Daten findet dagegen gar keine Befragung mehr statt. Die Ergebnisse werden generiert, menschliche Gedankengänge durch Algorithmen ersetzt. Das ist ein gefährlicher Weg. Möglicherweise geht es für einen Moment gut, solange die Antworten von Menschen im Mainstream vorhersehbar sind. Je spezieller und aktueller die Themen jedoch werden, wird man verlässliche Ergebnisse nur dann bekommen, wenn man authentische Meinungen echter Menschen einsammelt.

Erschließung junger Zielgruppen

Ihre KI erlaubt es Teilnehmern, während eines Interviews flexibel zwischen mündlicher und schriftlicher Antwort zu wechseln. Wie sehr hilft diese Anpassung an moderne Kommunikationsgewohnheiten dabei, insbesondere jüngere Menschen wieder stärker für die Teilnahme an Umfragen zu gewinnen?

 Wir nehmen natürlich wahr, dass sich die Kommunikationsgewohnheiten insbesondere bei jüngeren Menschen stark verändern. Statt miteinander zu telefonieren werden per WhatsApp und andere Messenger massenhaft Nachrichten verschickt. Dies teilweise in regen Wechsel von sowohl Text- wie auch Sprachnachrichten. Unser KI-Interviewer setzt genau hier an und erlaubt einen flexiblen Wechsel zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation. Und das kommt offensichtlich auf gut an. 

Interessanterweise haben Online-Panelisten, ein Interview zunächst schriftliche Interview begonnen haben, häufig vom Tippen auf mündliche Antworten umgeschwenkt und das Interview dann auch bis zum Ende mündlich geführt. Die jüngeren Befragten antworten dabei deutlich schneller und fallen dem Bot auch häufiger ins Wort – sie gehen also sehr unbefangen mit der Technik um.

Trotz des Bot-Einsatzes leitet bei Forsa aktuell noch eine Mitarbeiterin das Gespräch ein, bevor die KI übernimmt. Wird die menschliche Komponente als „Türöffner“ und zur Schaffung von Vertrauen auch in einer zunehmend automatisierten Marktforschung unverzichtbar bleiben?

Wir befinden uns derzeit noch in einer Pionierphase. Für viele Befragte ist es etwas sehr Ungewöhnliches, mit einem KI-Interviewer zu sprechen. Wie bei jeder neuen Technologie wird es eine Weile dauern, bis sich jeder damit vertraut gemacht hat, ein längeres Gespräch statt mit einem Menschen mit einer KI zu führen. Mindestens so lange braucht es definitiv eine Alternative für diejenigen, die lieber mit einem „echten" Menschen sprechen wollen. Auch nach der flächendeckenden Einführung von Geldautomaten in den 1990er-Jahren sind viele Menschen noch lange Zeit lieber zum Bankschalter gegangen, um Bargeld vom eigenen Konto abzuheben. Auch wenn die 

Entwicklungsgeschwindigkeit im KI-Zeitalter deutlich höher ist und die Akzeptanz von vollautomatisierten KI-Interviews sich wesentlich schneller entwickeln wird, wird es dennoch wird es eine Phase brauchen, in der Menschen – mindestens im Hintergrund als Backup – erforderlich sind. Gerade bei der Kontaktanbahnung ist das vorerst sicherlich unerlässlich. Die Branchenverbände täten meines Erachtens daher gut daran, möglichst schnell verbindliche Regeln mit Mindeststandards für vollständig automatisierte Interviews zu schaffen, die technologischen Fortschritt nicht verhindern, aber einen verantwortungsvollen Umgang im Sinne einer glaubwürdigen und seriösen Forschung sicherstellen.

Die Fragen stelle Christian Thunig.

 

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Thorsten Thierhoff ist der Geschäftsführer der forsa GmbH in Berlin.​ Er studierte Informationswissenschaft und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin. Seine Karriere führte ihn zunächst von 1995 bis 2003 zur forsa GmbH, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Leiter der Entwicklungsabteilung arbeitete. Danach wechselte er zu Ringier Deutschland: von 2006 bis 2011 als Vertriebsleiter von Cicero/Monopol, dann bis 2015 als Leiter Unternehmensentwicklung und schließlich bis Ende 2016 als Geschäftsführer.

Seit Januar 2017 leitet er als Geschäftsführer die forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH. Sein Fokus liegt auf dem Ausbau des repräsentativen forsa.omninet-Panels als „Gold-Standard“ für Online-Umfragen sowie der Integration von KI-Technologien in der Demoskopie.