Jahrbuch der Marktforschung
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  • 17.12.2025

Neue Forschungsansätze auf Basis der synthetischen Population "SynthiePop": Wie virtuelle Individuen durch Datenfusion und Machine Learning greifbar werden

Von Claudia Cramer, Statista

Von Claudia Cramer, Statista

Die Marktforschung steht vor wachsenden Herausforderungen, und klassische Erhebungen stoßen zunehmend an Grenzen: Aufwändige Prozesse, hohe Kosten, schwer erreichbare Zielgruppen und sinkende Datenqualität erschweren valide Ergebnisse. Besonders bei kleinen oder spezifischen Zielgruppen sind Befragungen kaum noch wirtschaftlich umsetzbar. SynthiePop, eine von Statista+ entwickelte synthetische Population, bietet hier eine zukunftsweisende Lösung: Sie ermöglicht tiefgreifende Analysen auf Basis realitätsnaher, virtueller Individuen.

Methode

SynthiePop kombiniert öffentliche Statistikdaten (z. B. Zensus, Arbeitsmarkt, KfZ) mit umfangreichen Befragungsdaten, wie aus Statista Consumer Insights. Durch Datenfusion und Machine Learning entsteht eine Datenbank mit hunderten Merkmalen, die die Gesamtbevölkerung granular abbildet. So ist jede synthetische Person direkt analysierbar. Statistische Verteilungen werden dabei probabilistisch auf die synthetische Population übertragen und mithilfe von Korrekturfaktoren verfeinert. Die Modellierung wird mit zusätzlichen Quellen und Makro-Daten validiert. Befragungsdaten werden mittels trainierter ML-Modelle integriert und anhand unabhängiger Stichproben überprüft.

Ergebnisse und Potenziale

Ein Praxisbeispiel aus einem Projekt für das Eisenbahnbundesamt zeigt das Potenzial: Zur Analyse des Deutschlandtickets wurde eine Online-Befragung (n=3.000) mit SynthiePop kombiniert. Die Ergebnisse ließen sich auf die Gesamtbevölkerung hochrechnen und boten eine bisher unerreichte Tiefe in der Individualanalyse. 

SynthiePop eignet sich u. a. für Markt- und Zielgrößenberechnungen, Potenzialanalysen, Segmentierungen oder Konzepttests. Perspektivisch können virtuelle Zielgruppen per generativer KI (GenAI) direkt interaktiv befragt werden – vorausgesetzt, die KI liefert valide, objektive Ergebnisse. Die Synthese aus klassischer Marktforschung und Data Science macht SynthiePop zu einem innovativen Instrument, welches kosteneffiziente und zukunftsweisende Möglichkeiten zur Datenerhebung und Analyse bietet – ein bedeutender Fortschritt für die Branche.

Der Artikel ist erstmalig im Jahrbuch der Marktforschung 2025 erschienen. (ET: 25.06.2025)
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Claudia Cramer ist Senior Director Market Research Insights bei Statista+ und verfügt über mehr als 15 Jahre Marktforschungserfahrung. Sie verantwortet die kundenindividuelle Primärmarktforschung im Auftrag von Kunden weltweit und bedient sich mit ihren Teams diverser qualitativer und quantitativer Marktforschungsmethoden. Dabei zählen Grundlagenstudien, Zielgruppenanalysen, Marken- und Imagestudien sowie Preis- und Produktforschung zu den Schwerpunkten. Fokus sind oftmals MixedMethod-Ansätze, welche sowohl Sekundär- und Primärdaten als auch qualitative und quantitative Daten miteinander kombinieren. Claudia Cramer ist seit 2016 Teil des Führungsteams von Statista und war zuvor u. a. Teamleiterin im Consumer & Retail Bereich sowie Media Research Consultant bei KANTAR (zuvor TNS Infratest) und Marketing Consultant bei der GfK Fernsehforschung. Sie ist Mitglied in den Marktforschungsverbänden ESOMAR und BVM Berufsverband deutscher Markt- und Sozialforscher e.V., wo sie zudem ehrenamtlich die BVM-Regionalgruppe Nord leitet.